Sind digitale Prozesse gleich bessere Prozesse? Wie Digitalisierung Prozesse so unterstützt, dass am Ende eine spürbare Qualitätsverbesserung für Patienten und Angehörige entsteht (Teil 3/3)

Mittlerweile gibt es einige Best-Practice-Beispiele für digitale Prozesse in Krankenhäusern, wie z.B. die elektronische Patientenakte. Doch habe ich in dem ersten Teil dieser Blogreihe auch gewisse Zweifel an der Herangehensweise und der Verbesserung von Digitalisierungsprozessen geäußert. Am Beispiel des Arztbriefes im zweiten Blog-Teil – der besser als Entlass-Information zu bezeichnen ist – habe ich die Problematiken dieses Prozesses herausgestellt. 

Hier möchte ich anknüpfen und meine Vision des digitalen Prozesses zur Erstellung der Entlass-Informationen näher erläutern:

Bereits in den Stammdaten des KIS sind (mindestens für die A- und B-Einweiser) im Sinne eines „Customer Relationship Managements (CRM)“ vorkonfektionierte Inhalte / Vorlieben des Einweisers in Bezug auf Entlass-Informationen aktuell hinterlegt. Das „System“ zieht sich automatisch über den Aufenthalt des Patienten hinweg aus definierten Stellen für die Entlass-Informationen wichtige Aufzeichnungen aller Berufsgruppen und der Leistungsstellen (z.B. PACS oder OP-Bericht). Das digitale Medikamentenmanagement-System einschließlich AMTS-Modul (Arzneimittel-Therapie-Sicherheit) übersetzt die bei der Anamnese digital vorliegenden, mitgebrachten oder aus einer Cloud entnommenen Medikamentenlisten des Patienten in die Hausmedikation und erstellt bei Entlassung – idealerweise unter Berücksichtigung der Restriktionen für die Verordnung im niedergelassenen Bereich – einen Medikationsplan. Gerne darf der Stationsarzt die Konfektionierung der Entlass-Informationen abschließen, indem er im KIS noch zusätzliche, relevante Informationen in Auswahllisten anklickt. Das durch einen Facharzt im System freigegebene Entlassdokument wird dann automatisch aus dem KIS an die digital hinterlegte Empfänger-Adresse verschlüsselt versendet. Selbstverständlich ist diese Information „endgültig“! Textbausteine informieren darüber, dass noch Befunde ausstehen, über die nach deren Vorliegen und Auswertung dann sofort eine Info erfolgt – im KIS kommt dieser Hinweis über nachkommende Befunde auf eine Auftragsliste für den Arzt, so dass das System nach der Bearbeitung nicht mehr die gesamten Entlass-Informationen, sondern selektiv nur noch diese Information an den Weiterbehandler versendet. Gleichzeitig erzeugt das KIS „auf Knopfdruck“ eine Patienten-Information mit – auf die Diagnose und Behandlung des Patienten – abgestimmten Hinweisen, die in einer verständlichen Sprache abgefasst sind und direkt über eine Krankenhaus-App auf das Mobiltelefon des Patienten oder in dessen Daten-Cloud geleitet werden. Ergänzt werden die Entlass-Informationen mit kurzen Patienten-Videos, die beispielsweise das richtige Treppensteigen, das Zubereiten passender Essen-Menüs oder Bewegungsübungen zeigen. Abgerundet wird die App dann mit der Möglichkeit einer Rückmeldung des Patienten an den Behandler, die z.B. aufzeigt, dass er seine Übungen auch wirklich absolviert hat bzw. die Fragen zulässt.

Hiermit wäre nicht nur ein effizienter, produktiver Prozessfluss geschaffen, sondern die Digitalisierung würde auch einen nennenswerten Nutzen für den Patienten generieren!

Das Rationalisierungspotenzial der Digitalisierung wird sich insbesondere durch die Automatisierung beim Management der Ressourcen realisieren. In einem digitalen Krankenhaus werden nicht mehr Menschen Leistungsstellen disponieren, es werden nicht mehr Menschen freie Betten suchen, es werden nicht mehr Menschen OP-Programme oder Untersuchungsprogramme planen – sondern Algorithmen werden dies übernehmen. Wenn beispielweise die Sensorik an einem Bett anzeigt, wo es sich befindet und ob es belegt oder frei ist und wie die Kontingentierung der Betten für die jeweiligen Fachrichtungen sind, wenn Roboter die Betten dann im Krankenhaus dahin bewegen, wo sie benötigt werden, braucht es keine Mitarbeiter mehr, die als Zentrale Belegungsmanager oder Bettentransporteure arbeiten. Wenn der Algorithmus weiß, dass der Patient derzeit nicht mehr im Bett auf der Normalstation liegt, sondern im Bett auf der Intensivstation und die Regel kennt, dass das Normalbett für mindestens 24 Stunden freigehalten wird, wird das Bett bei Rück-Verlegung dieses Patienten innerhalb der Frist für ihn frei – bei Überschreiten dieser Frist neu mit einem anderen Patienten belegt sein. Das KIS disponiert automatisch die Untersuchungen und Operationen eines Patienten in definierte Untersuchungs- bzw. Eingriff-Slots und bildet Terminketten. Fällt eine der Untersuchungen aus oder wird das Untersuchungsprogramm aktuell verändert, kennt das System alle Interdependenzen in der Terminkette und passt diese entsprechend an. All diese Aufgabenstellungen können Algorithmen besser lösen, als Menschen, und das ist in vielen Branchen heute schon Realität. Aber der durch Automation bedingte Produktivitätsgewinn erzeugt nicht automatisch eine bessere oder neue Qualität – die Frage wird sein, wie Krankenhäuser zukünftig mit der gewonnenen Zeit für die Mitarbeiter (die z.B. nicht für die Bettensuche aufgewendet werden muss) umgeht! Die Antwort kann aus meiner Sicht nur sein, dass diese Zeit direkt in die professionelle zwischenmenschliche Zuwendung zum Patienten fließen muss!

Ich möchte Sie noch an einer weiteren Vision teilhaben lassen: Der Arzt auf einer orthopädischen Station, der durch die Digitalisierung an jedem Arbeitstag 30 Minuten Zeit gewonnen hat, kommt nach der mobil unter Verwendung eines Tablets durchgeführten Visite noch einmal zum Patienten, der eine Knie-TEP erhalten hat, setzt sich auf den Bettrand und sagt: „Ich bin noch einmal zu Ihnen gekommen, um Ihnen auf meinem Tablet die ersten post-operativen Aufnahmen Ihres Knies zu zeigen. Schauen Sie mal – die Knie-Prothese sitzt wirklich perfekt…“.

Möglicherweise kann er dem Patienten – so wie man es nach der körperlichen Vermessung für Sportler heute bereits macht – eine Simulation zeigen, wie sich das Knie bei Bewegung verhält – beim Gehen und vielleicht sogar beim Joggen! Und wie ein optimaler Bewegungsablauf zukünftig aussehen könnte. Wenn ich dieser Patient wäre und schon seit Jahren unter starken Schmerzen nur mehr schlecht als recht laufen konnte, würde mich das unheimlich motivieren! Ich würde sofort nach dem Physiotherapeuten und der Mobilisierung rufen, um möglichst schnell den simulierten Zustand zu erreichen!

Ich bin fest davon überzeugt, dass eine derartige Zuwendung des Arztes (genauso wie einer Pflegekraft oder eines Therapeuten) zusammen mit dem Einsatz von digitalen Anwendungen einen großen Wert für den Patienten (und die Angehörigen) darstellen und darüber deren Compliance erheblich verbessern würde. Und unterschätzen Sie nicht die Auswirkung der Compliance des Patienten auch auf harte, für die Wirtschaftlichkeit relevante Kennzahlen, wie insbesondere die Verweildauer!

Ich bleibe mit voller Überzeugung dabei: Die Digitalisierung im Krankenhaus macht nur Sinn, wenn am Ende des Tages auch der Patient eine neue Qualität seines Aufenthalts und seiner Behandlung erfährt!

Autor: Christian Bamberg
 – 09:39 Uhr

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