Das Primäre Behandlungsteam als Weiterentwicklung der Primären Pflege am Borromäus Hospital in Leer (Teil 2)

Die Umstellung erforderte Flexibilität und Entgegenkommen von beiden Berufsgruppen

Für die Ärztinnen und Ärzte war die größte Umstellung auf das neue System die Tatsache, dass ihre Patientinnen und Patienten jetzt nicht mehr in drei oder vier benachbarten Zimmern liegen, sondern verteilt über die Station. Die Zuordnung der Patientinnen und Patienten zu einem Team erfolgt durch die pflegerische Stationsleitung orientiert am Pflegeaufwand der Patienten, um eine möglichst gerechte Aufteilung der pflegebedürftigen Patienten auf die Teams zu erreichen. Dies bedeutete für den ärztlichen Dienst eine gewisse Umstellung, die allerdings schnell akzeptiert wurde. Auch die oberärztliche Verantwortlichkeit orientiert sich zukünftig nicht an den Zimmern, sondern an den einzelnen Teams, so dass ein Oberarzt oder eine Oberärztin jeweils für die Supervision von einem oder zwei Teams verantwortlich ist.

Für die Pflege war die größte Umstellung, dass Früh- und Spätdienst einander fest zugeordnet werden, um ein einheitliches Behandlungsteam für die Dauer einer werktäglichen Woche zu bilden. Eine Pflegekraft ist also für die Dauer von mindestens einer Woche einem Team fest zugeordnet und arbeitet entweder im Früh- oder im Spätdienst in diesem Team. Früh- und Spätdienst bilden somit ein pflegerisches Tandem. Die beiden Tandem-Pflegekräfte übernehmen für alle Patientinnen und Patienten ihres Teams jeweils die Rolle der Primären Pflegekraft oder ihrer Stellvertretung. An jedem Werktag wird jede Patientin und jeder Patient auf diese Weise entweder im Früh- oder im Spätdienst durch die Primäre Pflegekraft betreut, in der anderen Schicht durch deren Stellvertretung, also durch den Tandem-Partner. Lediglich im Nachtdienst und am Wochenende erfolgt die Betreuung der Patientinnen und Patienten durch Pflegekräfte, die nicht selbst Teil des Primären Behandlungsteams sind, die allerdings wie bei der Primären Pflege üblich die durch die Primäre Pflegekraft erstellte Pflegeplanung umsetzen.

Die Vorteile der Neustrukturierung überwiegen deutlich

Die genannten Umstellungen im pflegerischen und im ärztlichen Dienst waren nur deshalb umsetzbar, da alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter deutlich die Vorteile der Neustrukturierung erkannten. Die Stationsärztin bzw. der Stationsarzt arbeitet zukünftig von Montag bis Freitag im Primären Behandlungsteam mit den beiden Pflegekräften des Teams zusammen, die entweder im Früh- oder im Spätdienst anwesend sind. Die Kommunikation zwischen den Berufsgruppen wird hierdurch deutlich erleichtert und eine regelhafte gemeinsame Visite, die zuvor aufgrund der unterschiedlichen Arbeitsorganisation nicht mehr möglich war, kann wieder zu einem festen Zeitfenster am Vormittag realisiert werden. Auch die Patientinnen und Patienten profitieren, da die Mitglieder des Primären Behandlungsteams während des gesamten Aufenthaltes konstant als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Lediglich bei Patientinnen und Patienten, die über einen längeren Zeitraum stationär behandelt werden, kann es dienstplanbedingt von Woche zu Woche zum Wechsel einzelner Ansprechpartner innerhalb des Behandlungsteams kommen. Die Zuordnung zu einem farblich markierten Team bleibt allerdings für die gesamte Dauer des Aufenthaltes bestehen.

Die Vorteile des Primären Behandlungsteams liegen auf der Hand:

  • Jeder Patient hat einen Stationsarzt, die Primäre Pflegekraft und deren Stellvertretung als konstante Ansprechpartner (= Primäres Behandlungsteam).
  • Durch die feste Zusammenstellung der Teams arbeitet jeder Stationsarzt während der Woche konstant mit den beiden Pflegekräften seines Behandlungsteams zusammen, die entweder im Frühdienst oder im Spätdienst anwesend sind.

Dies führt zu folgenden Verbesserungen in der Patientenversorgung:

  • Gleiche Verantwortungsbereiche im pflegerischen und ärztlichen Dienst
  • Wahrnehmung von Pflegekraft und Stationsarzt als Behandlungsteam
  • Etablierung einer gemeinsamen pflegerisch-ärztlichen Visite auf Augenhöhe in einem festen Visitenzeitfenster am Vormittag
  • Reduktion der Schnittstellen und geringere Gefahr von Informationsverlusten
  • Kürzere Übergabezeiten
  • Optimale Konstanz in der Patientenversorgung und klar geregelte Verantwortlichkeiten
  • Optimale Kommunikationsgrundlage zwischen Pflege und ärztlichem Dienst

Die ersten Rückmeldungen nach dem Umsetzungsstart sind durchweg positiv

Das Organisationshandbuch, das gemeinsam von Pflege und Ärztlichem Dienst sowie weiteren Berufsgruppen erstellt wurde, wurde im Rahmen einer Kick-off-Veranstaltung allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vorgestellt. Im Dienstplan wurden die nötigen Umstellungen vorgenommen, um werktags die beschriebenen Pflege-Tandems etablieren zu können und um auch im ärztlichen Dienst eine große Konstanz in der Stationsbesetzung sicherzustellen.

Am 01. Juli 2017 startete schließlich die Umsetzungsphase und die Primären Behandlungsteams gingen im Borromäus Hospital an den Start. Die ersten Reaktionen sind sehr positiv. Sowohl die ärztlichen als auch die pflegerischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stationen schätzen sehr, jetzt über einen längeren Zeitraum hinweg einen festen Ansprechpartner in der jeweils anderen Berufsgruppe zu haben. Darüber hinaus wird sehr positiv bewertet, dass es jetzt wieder möglich ist, täglich eine gemeinsame pflegerisch-ärztliche Visite durchzuführen. Aber auch von Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörigen wird wahrgenommen, dass die Stationsabläufe durch die verbindlichen Regelungen deutlich besser strukturiert sind. Die pflegerischen Übergabezeiten konnten verkürzt werden, da die Patientinnen und Patienten in der Regel bereits vom Vortag bekannt sind. Zudem bestätigen beide Berufsgruppen, dass der Tagesablauf durch die gemeinsame Visite sowie weitere definierte Kommunikationszeitpunkte spürbar ruhiger geworden ist und Unterbrechungen im Arbeitsablauf, beispielsweise durch telefonische Rückfragen, reduziert werden konnten.

Der Projekterfolg wird regelmäßig evaluiert

Ein Management-Team, bestehend aus pflegerischer Stationsleitung und Stationsoberarzt, trifft sich regelmäßig, um die Umsetzung des Organisationshandbuchs gemeinsam zu besprechen. Darüber hinaus wird die Umsetzung durch Erhebung von einigen zentralen Prozesskennzahlen (Visitenuhrzeit, Entlassuhrzeit, etc.) evaluiert. Es folgen regelmäßige Evaluationsworkshops, um gemeinsam in der berufsgruppenübergreifenden Projektgruppe eventuell auftretende Umsetzungsschwierigkeiten zu besprechen und falls notwendig gemeinsam Anpassungen an den Prozessen oder am Organisationshandbuch zu vereinbaren. Auf diese Weise soll auch langfristig der Erfolg des Primären Behandlungsteams als Schlüsselelement der neuen Stationsorganisation in der Inneren Medizin des Borromäus Hospitals gesichert werden.

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