PDLA statt PDCA - Vor dem Handeln kommt das Lernen!

Ende eines Irrtums: Warum der PDCA-Zyklus gar nicht von Deming stammt!

Alle, die sich mit Qualitätsmanagement beschäftigen, können die vier Schritte der systematischen, kontinuierlichen Verbesserung quasi im Schlaf herunterbeten: PDCA! Und noch immer wird der PDCA-Zyklus in einem Atemzug mit dem Namen von William Edwards Deming (1900 – 1993) genannt und begründet ganz wesentlich dessen Ruf als „Qualitätspapst“. Nun, einem Papst ist die Unfehlbarkeit vorbehalten, seinen Jüngern bleibt oft nur der – menschliche – Irrtum. Denn der PDCA-Zyklus stammt überhaupt nicht vom bedeutenden QM-Vordenker Deming! Mehr noch: Er enthält einen wesentlichen Denkfehler, der Deming sicherlich niemals unterlaufen wäre!

Deming selbst steht mit seinem v.a. auf Messungen und deren statistischen Auswertungen beruhenden QM-Denkgebäude in enger Tradition zu seinem Lehrer Walter A. Shewart, der bereits in den 1930er Jahren ein Modell beschrieb, das Deming später als „Shewart-Cycle“ bezeichnet. Das Shewart-Modell definiert in vier Schritten einen Entwicklungsprozess, der in Schritt 1 mit der Ermittlung von wünschenswerten Eigenschaften eines Produkts beginnt. Hierzu sollen in einem zweiten Schritt Tests durchgeführt werden, deren Ergebnisse dann in Schritt 3 beobachtet und in Schritt 4 ausgewertet werden. Der entscheidende Schritt bei Shewart ist also das Lernen bei der Entwicklung von neuen Produkten – von einem Ansatz zur kontinuierlichen Verbesserung von Prozessen oder gar ganzen Organisationen findet sich bei Shewart keine Spur! Und erst Recht ist nirgends von PDCA die Rede!

In einer Fußnote in seinem Buch „Out of the Crisis“ [1] macht Deming selbst eine Anmerkung, dass er das Modell stets als „Shewart-Cycle“ bezeichnet habe, in Japan daraus jedoch in den 1950er Jahren der „Deming-Cycle“ gemacht worden ist.

Erst in seinem letzten Buch „The new Economics for Industry, Government, Education” [2]  beschreibt Deming 1993 einen “PDSA Cycle” (und schreibt diesen immer noch Shewart zu!); dabei steht das „S“ für „Study“. Neu dabei: Der PDSA-Zyklus soll sowohl auf Produkte, als auch auf Prozesse anwendbar sein.

In Schritt 1 ist nun eine Änderung eines Test (in Bezug auf die Verbesserung des Produkts oder des Prozesses) zu planen, in Schritt 2 ist diese Änderung bei einer definierten Stichprobe auszuführen, in Schritt 3 sind die Testergebnisse (der Studie) auszuwerten und in Schritt 4 ist die Änderung tatsächlich zu verwirklichen, zu verwerfen oder modifiziert in einem erneuten Durchlauf dem Zyklus zu unterwerfen. Auch hier gibt es noch nicht die Fokussierung auf das „Check“, die für das heutige Verständnis von Qualitätsmanagement ganz wesentlich erscheint.

Die Erfindung des PDCA in der aktuellen Form ist wohl eher japanischen Managern im Rahmen des KAIZEN-Konzepts zuzuschreiben (zitiert in [3]), die dieses Managementprinzip dann auch auf alle Ebenen der Organisation anwendbar gemacht haben. Der PDCA-Zyklus mag also historisch durchaus auf Demings PDSA-Zyklus fußen, ist mit diesem aber keinesfalls gleichzusetzen oder zu verwechseln! Deming hätte sich niemals alleine mit dem „Check“, also dem Messen, zufrieden gegeben, sondern entscheidend waren für ihn stets die Lehren, die man aus der Auswertung von Ergebnissen zieht. Ersetzt man das „Study“ etwas allgemeiner durch ein „Learn“, dann wird der PDCA-Zyklus im Sinne von Deming zu einem PDLA-Zyklus.

Warum ist der Unterschied von PDLA zu PDCA so gravierend und nicht bloß eine semantische Spielerei?

Wie oben bereits ausgeführt, liegt der Schlüsselschritt des Qualitätsmanagements heute auf dem Check-Schritt. Organisationen, so auch Krankenhäuser, betreiben dementsprechend einen hohen Aufwand für das Messen, sei es durch Befragungen oder durch die Entwicklung und wiederkehrende Erhebung von Struktur-, Prozess- oder Ergebnis-Indikatoren. Festzustellen ist aber auch, dass dem Aufwand der Messung im Check-Schritt oft nur ein überschaubarer Nutzen der Verbesserung im Act-Schritt gegenüber steht. Das „Act“ schwächelt auch bei der Bewertung von Managementsystemen durch externe Gutachter häufig. Ferner liegt dem Check-/Act-Zusammenhang nicht selten der Trugschluss zugrunde, dass jede Ist-/Soll-Abweichung zwingend Maßnahmen zur Folge haben muss, die die Abweichung beseitigen. Der PDCA-Zyklus „verdammt“ eine Organisation also zur Aktivität – und je mehr ich messe, desto mehr Aktivität muss ich entfalten!? Von der Problematik, dass viele vorschnell ergriffene Aktivitäten weniger die Verbesserung, als vielmehr eine „Verschlimmbesserung“ zur Folge haben, ganz zu schweigen…

Der PDLA-Zyklus erzwingt jedoch das Lernen! Und Lernen bedeutet Versuch und Irrtum! Wie schon Shewart lehrte und Deming stets betonte: Ich kann ein Ergebnis (und das Vorgehen, das zu diesem Ergebnis führte) auch verwerfen und vielleicht ist bei einer Soll-/ Ist-Abweichung ja gar nicht mein Ergebnis schlecht, sondern vielmehr sollte die Messmethode verändert werden! Das „Act“ im PDLA erhält dann eine ganz neue Bedeutung: Es handelt sich nicht mehr allein um Aktivitäten, die zur Verbesserung führen sollen, sondern um Aktivitäten, die aufgrund eines Lernerfolgs nachweislich zur Verbesserung geführt oder aber einen Irrtum aufgezeigt haben!

Von allen Management-Ansätzen greift das EFQM-Modell diesen Zusammenhang am deutlichsten auf: Hier werden die Daten der Ergebnisseite (Check) über die Schleife „Lernen, Kreativität und Innovation“, die die Ergebnisseite mit der Befähigerseite rückkoppelt, analysiert und zur Grundlage von lernorientierten Aktivitäten gemacht – auch mit der möglichen Folge, dass sich ein Vorgehen der Befähigerseite als „Irrweg“ herausstellt und eingestellt wird.

„Managen“ im Sinne eines Check-/ Act-Zusammenhangs bedeutet also v.a. Schlussfolgerungen ziehen, Lernen und Irrtümer beseitigen!

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[1] Deming W.E. „Out of the Crisis“, MIT Press, Cambridge (2000)

[2] Deming W.E. „The new Economics for Industry, Government, Education“, MIT Press, Cambridge (2000)

[3] Dr. Guido Wolf in QZ „Qualität und Zuverlässigkeit“ (10/2009)

Autor: Christian Bamberg
 – 21:46 Uhr

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