Frauen sind von Natur aus keine besseren Führungskräfte

Warum ich trotzdem strikt für eine – mindestens vorübergehende – Frauenquote in Führungspositionen bin!

Eins vorweg: Ich glaube keinesfalls daran, dass Führungskräfte allein schon oder nur deshalb besser agieren, weil sie Frauen oder Männer sind.

Die These, dass Frauen bessere Führungskräfte sind oder sein könnten, wird häufig und für mich populärwissenschaftlich ungenau mit der unterschiedlichen Natur von Mann und Frau begründet („Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“ [1]). Und in der Folge dieser Argumentation dann damit, dass die Natur Frauen Eigenschaften zuweist, die sie in der modernen, sehr komplexen Welt von heute begünstigen – auch im Führungsverhalten (der Mann als Auslaufmodell, „das Ende des Mannes“ [2]). Als promovierter Chemiker verlasse ich mich da lieber auf die Erkenntnisse der Wissenschaft. Erwiesenermaßen falsch ist die naturgegebene Begründung nämlich, wenn sie gar genetische Unterschiede zwischen den Geschlechtern ausmacht. Tatsache ist, dass es außer dem (fast leeren) Y-Chromosom keine geschlechtsspezifischen Unterschiede in der genetischen Ausstattung von Mann und Frau gibt! Es gibt also genauso wenig eine genetische Begründung, warum das eine Geschlecht „besser“ sein soll, als umgekehrt eine genetische Entschuldigung, warum das andere Geschlecht „schlechter“ sein darf. Entwicklungsbiologisch gesehen, sind alle Menschen nach der Zeugung zunächst weiblich. Und doch gibt es unbestritten und offensichtlich Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die sich nicht zuletzt auch in signifikanten hirnorganischen Differenzierungen nachweisen lassen. Was macht nun aber „den Mann zum Mann“? Die Wissenschaft ist sich einig: das Hormon Testosteron bzw. noch genauer: dessen „Dosis“ – das Mannsein wird dadurch sehr fragil!

Im Buch „Der Mann – das schwache Geschlecht und sein Gehirn“ [3] prägt der bekannte Neurobiologe Gerald Hüther für mich einen sehr treffenden Begriff: Er spricht im Zusammenhang mit der Natur von Männern und als Auswirkung von deren höheren Testosteronspiegel nicht vom schwachen, sondern vom extremen Geschlecht. Und dass dieser Extremismus der Männer die kulturelle Entwicklung der Menschheit entscheidend geprägt hat. Weitere interessante Gedanken von Hüther kreisen darum, dass unser Gehirn ein sehr plastisches (also formbares) Organ ist und unglaublich mehr Potenzial birgt, als von uns genutzt! Und das bei beiden Geschlechtern!

Ich möchte der Vollständigkeit halber noch hinzufügen, dass wir nicht nur durch unsere Biologie (ich sage natürlich Chemie) geprägt sind, sondern auch durch das soziale Umfeld und will hier keinesfalls den Richtungsstreit über die Vorherrschaft „biologische vs. soziale Prägung“ führen.

Warum trete ich nun meinen kleinen Ausflug in die Naturwissenschaft an, wenn ich als Mann einen Blog über Frauen in Führungspositionen schreibe und für die Frauenquote eintrete?

Zunächst mal: Ich nehme die vorherrschende gesellschaftliche Diskussion über die fehlende Chancengleichheit von Frauen als sehr verzerrt wahr. Verzerrt z. B. in Bezug auf die Aussage, dass unsere Gesellschaft Männer per se in der Spitze bevorzugt, also eher zu Gewinnern macht, als Frauen. Übersehen dabei wird geflissentlich, dass sich – im Sinne des extremen Geschlechts – auch am unteren Ende der Gesellschaft statistisch deutlich mehr Männer finden. Männer werden also auch viel leichter und häufiger zu Verlierern in unserer Gesellschaft (von der grundsätzlich größeren gesundheitlichen Instabilität oder extremen Ausdrucksformen, wie der nachweislich höheren Kriminalität der Männer ganz zu schweigen).

Homogene, z. B.  gleichgeschlechtliche Gruppen prägen im Verlaufe der Zeit Mechanismen aus, die stets die Gleichen bevorzugen und die Andersartigen benachteiligen, oft gar ausgrenzen. Da Männer seit Jahrhunderten statistisch weitaus häufiger in Führungspositionen gelangt sind, bevorzugen auch deren Auswahlmechanismen Männer für Führungspositionen. Das ist kein männliches Privileg. Denken wir z. B. an unser überwiegend von Frauen geprägtes Kindergarten- und Schulsystem, das nach meiner Erfahrung als Vater heute auch den weiblichen Schüler zum Maßstab nimmt und männliche Schüler in ihrer Andersartigkeit mehr und mehr zu Störfaktoren und zu Verlierern werden lässt und das oft extreme Verhalten von Jungen teilweise fast schon pathologisiert. Ich würde wetten, dass ADHS nahezu durchweg ein männliches Phänomen ist… und bin wiederum erstaunt, dass unter den besten Abiturienten eines Jahrgangs immer auch auffällig viele Jungen sind, obwohl der Abi-Durchschnitt aller männlichen Schüler schlechter ist, als der aller weiblichen. Für mich ist es eine Illusion, dass eine von Frauen geprägte Führungswelt eine bessere Welt wäre, die per se Chancengleichheit für beide Geschlechter böte, wo derzeit keine Chancengleichheit herrscht.

Und doch: Mir dauert der Prozess, bis Frauen durch ihre Fähigkeiten von alleine nach und nach in Führungspositionen gelangen, einfach viel zu lange, auch wenn er vielleicht irgendwann einmal auf dem „evolutionären“ Wege gelingen kann. Mehr noch, ich glaube, dass dieser Vorstellung der Denkfehler zugrunde liegt, dass (bessere) Qualifikation letztlich das entscheidende Kriterium dafür ist, in eine Führungsposition befördert zu werden. Ich unterstelle noch andere – bisher überwiegend von Männern geprägte – „informelle“ Mechanismen und Filter. Und die sorgen dafür, dass Frauen die letzten „Bastionen der Macht“, wie beispielsweise Chefarztpositionen, eben zumeist nicht erreichen. Eine Frauenquote von 50% würde auf einen Schlag ganz wesentlich die bestehenden Mechanismen und Filter zur Auswahl von Führungskräften verändern bzw. zumindest ergänzen. Ich plädiere hier also mehr für Revolution, als für Evolution. Hüther würde übrigens sinngemäß sagen: „Wir haben immer genau das Gehirn, das uns bei der Erfüllung der vorherrschenden Aufgaben am besten unterstützt.“ Das gilt genauso für den Fall, dass wir 24 Stunden am Tag ununterbrochen Fernsehen, als auch für unsere auf Männer hin gestaltete Führungswelt (die z. B. stark auf die Elemente Status und Rivalität setzt). Aber: Unser Gehirn kann als plastisches Organ umlernen, wenn sich die Welt verändert!

Ich glaube fest an die Chance, die in der Unterschiedlichkeit liegt; mir sind inhomogene (Führungs-)Teams lieber, als vollkommen homogene. Dabei reicht es mir nicht aus, Teams nur unter dem Aspekt des Komplementären zu verstehen: Eigenschaften der Frauen ergänzen die der Männer und umgekehrt. Es geht um viel mehr: Der Kontakt mit dem Andersartigen zwingt mich – mein Gehirn – zum Umlernen und ermöglicht es mir letztlich, meine Potenziale schneller und vollständiger zu entfalten. Um gängige Beispiele (eigentlich eher Klischees) zur Verdeutlichung dieses Aspekts aufzugreifen: Der Kontakt mit weiblichen Führungskräften beschleunigt die Entwicklung meiner (begrenzten) männlichen kommunikativen Fähigkeiten als Führungskraft – die Zusammenarbeit mit Männern in Führungspositionen lehrt mich als Führungskraft Frau, einen Konflikt nicht gleich als Aufkündigung einer Beziehung, sondern eher sportlich zu sehen. Unabhängig vom Geschlecht verbessere ich somit meine Wirksamkeit als Führungskraft.

Oder pointiert ausgedrückt und um den Titel des Blogs aufzugreifen: Frauen werden nicht durch ihre Natur, sondern durch Männer bessere, nein wirksamere, Führungskräfte – und umgekehrt!

Sie möchten Ihre eigene Wirksamkeit als Krankenhausführungskraft erhöhen? Dann besuchen Sie unsere Kurse auf klinikcampus.de»

[1] Cris Evat „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus: Tausend und ein kleiner Unterschied zwischen den Geschlechtern“, Piper Taschenbuch

[2] Hanna Rosin „Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen“, Berlin Verlag

[3] Gerald Hüther „Der Mann – das schwache Geschlecht und sein Gehirn“

Zurück

« April 2013»
Mo Di Mi Do Fr Sa So
1 2 3 4 5 6 7
8 9 10 11 12 13 14
15 16 17 18 19 20 21
22 23 24 25 26 27 28
29 30          

RSS-Feeds

Beiträge:
      RSS 0.91 RSS 2.0