Für eindeutige Ziele in der Rehabilitation - Teil I: ICF

Je mehr Ziele gleichzeitig verfolgt werden, desto geringer ist der Gesamterfolg – das habe ich als Fazit einer Dissertation verstanden, die mir letztens wieder in die Hände gefallen ist. Sinnvoll sei die Orientierung an einem einzigen Ziel. Da es der Verfasser immerhin zum Direktor in einer Schweizer Privatbank gebracht hat, wird etwas daran sein.[1]

Zumindest bei der Durchführung von Rehabilitation trifft das zu: Hier wird nach meiner Erfahrung in Rehakliniken gar nicht so selten das übergreifende Ziel des Rehabilitanden aus dem Blick verloren. Wohin soll der Weg nach dem Ende der Rehabilitationsmaßnahme gehen?

Aber auch: Was ist denn das Ziel einer Rehaeinrichtung? Ist es das Ziel, Menschen wieder zur Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft zu befähigen oder ist dies nur ein Teilziel? Geht es stattdessen eher darum die Ertragslage der Einrichtung zu sichern oder gar zu steigern? Und welche dieser Ziele nehmen Mitarbeiter für sich an?

In der Rehapraxis wird das ja auch oft beklagt: Man habe zum einen natürlich das Ziel, den Menschen wieder gesund zu machen (über den Weg müsse man sich allerdings noch einig werden), zum anderen müsse aber auch die Kasse stimmen. Ein Spagat, am Ende gelingt keines von beidem so richtig.

Häufig liegt das nach meiner Erfahrung daran, dass das übergeordnete Ziel aus dem Blick verloren wird. Das gilt gleichermaßen für die therapeutischen Rehabilitandenziele als auch für die Einrichtungsziele. Arbeitsverdichtung und Spezialisierung führen dazu, dass Mitarbeiter zunehmend nur noch Teilziele im Blick haben, die ihrem Aufgabenbereich entnommen sind. Kurzfristig mag das funktionieren, langfristig nehmen die Ineffizienzen aufgrund mangelnder Koordination überhand. Die Gegenmaßnahmen sind ebenfalls bekannt und zu beobachten: Immer engere Vorgaben was denn wie zu erledigen sei. Der Umgang der Geführten mit solchen Vorgaben schwankt zwischen Gleichgültigkeit, formaler Erfüllung um des lieben Friedens willen und der Umleitung der Arbeitsenergie in die Schaffung individueller Freiräume. Nicht nur Mitarbeiter gehen so in die innere Kündigung verloren, ganze Arbeitsgruppen kapseln sich nach außen ab.

Zwei grundsätzliche Problematiken sehe ich in der täglichen Arbeit mit und in Rehakliniken: Zum einen werden die Ziele nicht offengelegt. Der Kollege einer anderen Berufsgruppe weiß also gar nicht, was sein Gegenüber bezweckt. Zum anderen fehlt es häufig an der Bereitschaft, gemeinsame Ziele mitzutragen – seien sie therapeutisch begründet oder aus der Ertragslage der Einrichtung, deren Fortbestand ja immerhin eine Voraussetzung für die künftige Erbringung von Therapie ist.

Dabei lassen sich für die Mitarbeiter eines Rehateams zwei übergeordnete Ziele festhalten: Erfolgreiche Rehabilitation und wirtschaftliche Gesundheit des Unternehmens. Welches dieser beiden Ziele letztlich Zweck und welches Mittel ist, kann der einzelnen Einrichtung überlassen bleiben.

Die Frage ist: Welchen Beitrag kann ein Mitarbeiter für die beiden Ziele leisten.

Wann ist eine Rehabilitation erfolgreich?

Zumindest bei einer Leistungserbringung für die Sozialversicherungsträger besteht ein klares Zielkriterium: Erfolg ist es, die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft zu erreichen. Verschiedene Mittel und Wege sind aus der ICF abzuleiten. Dazu gehört etwa die Beteiligung des Rehabilitanden an der Planung einer Rehabilitationsmaßnahme und an der Zielfestlegung. Und auch die Beteiligung des gesamten Rehateams.

Für die unmittelbare Arbeit mit dem Rehabilitanden oder Patienten ist die Teilhabe als das übergeordnete Ziel inzwischen Standard. Zumindest seit der verbindlichen Orientierung der Leistungserbringer an der ICF, der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit. Gedacht ist dabei gar nicht an eine zusätzliche Dokumentation weiterer Kodierziffern – die mit der ICF gut möglich ist, für die praktische Arbeit allerdings von recht geringer Relevanz – sondern an die Verfolgung einiger Grundsätze, wie Beteiligung von Rehabilitanden, ihren Bezugspersonen und Therapeuten (und auch der Leistungsträger) an der Erarbeitung eines individuellen Rehaziels. Ein weiterer Grundsatz – der allerdings schwerer zu verfolgen ist – ist die Rehaplanung über hausinterne und auch externe Schnittstellen hinweg. Die Erarbeitung solcher Ziele in einer für die Rehapraxis realistischen Zeit - von seien wir ehrlich wenigen Minuten - müssen die Mitglieder von Rehateams zunächst lernen. Das Stichwort ist die interdisziplinäre Teamarbeit.

Diese Zusammenarbeit entsteht nicht von selbst, sondern setzt bei den Mitgliedern des Teams spezifische Fähigkeiten voraus. Hinzu kommen sozialisations- und ausbildungsbedingt unterschiedliche Vorstellungen und Erfahrungen. Hier in ein Rehateam investierte Zeit kommt durch effiziente Routineabläufe mehrfach zurück.


[1] Kyros Khadjavi: Wertmanagement im Mittelstand. Diss. Univ. St. Gallen, 2005. Die Schrift ist im Internet verfügbar.

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