Warum hat Qualitätsmanagement immer noch nicht den Durchbruch in deutschen Krankenhäusern geschafft?

Der Schlüssel dazu wird der Zugang zu den Qualitätskosten sein!

Scheinbar ist Qualitätsmanagement zu einer alltäglichen Aufgabe deutscher Krankenhäuser geworden – zur selbstverständlichen Erfüllung der gesetzlichen Verpflichtung nach SGB V. Fast schon explosionsartig steigende Zertifizierungszahlen in den letzten Jahren, flächendeckend veröffentlichte Qualitätsberichte und das Dauergewitter von Zufriedenheitserhebungen bei Patienten, Zuweisern und anderen „Kunden“ suggerieren einen hohen Durchdringungsgrad des Instruments, hundertfach unterstützt durch Klinikführer und Krankenhaus-Rankings im Internet.

Auf den ersten Blick scheint also die QM-Welt im Krankenhaus eine heile zu sein…

Und doch stelle ich mit einiger Ernüchterung nach acht Jahren Unternehmensberatung in Krankenhäusern und zuvor fast 10 Jahren Beratung in anderen Branchen fest, dass das Qualitätsmanagement im deutschen Gesundheitswesen noch weit von dem Status entfernt ist, den es in allen anderen Branchen längst hat: Nämlich unverzichtbares Management-Werkzeug zur Sicherstellung der Wettbewerbsfähigkeit und des wirtschaftlichen Erfolgs zu sein!

In Krankenhäusern wird Qualitätsmanagement vielfach immer noch reduziert auf die Zertifizierung und auf andere Formen der externen Darlegung von Qualitätsaspekten (wie z.B. über den gesetzlichen Qualitätsbericht). Qualität wird sehr stark auf die Ergebnisqualität von Medizin und Pflege bezogen, und mit Kennzahlen wie der Mortalität, Dekubitus- oder Sturzquoten gemessen. Aus meiner Sicht ein mehr als verständlicher Versuch, die Herausforderung Qualität mit der traditionell fachlichen Perspektive auf ein Krankenhaus zu verbinden und für die Berufsgruppen begreifbar zu machen.

Der Haken an dieser richtigen, aber längst nicht ausreichenden Betrachtung ist, dass am Ende die Erkenntnis steht, dass Qualitätsmanagement zusätzlichen, z.T. ganz beträchtlichen Aufwand bedeutet! Damit gerät das Qualitätsmanagement in den Ruf, dass man es sich leisten können muss – viele Mitarbeitende in Krankenhäusern sehen in den Qualitätsmanagementbeauftragten einen Teil des administrativen „Wasserkopfes“, der durch die Patientenversorgung finanziert wird…(während das eigene Personal nie reicht).

Die Mitarbeitenden im Krankenhaus, die sich im oder für das Qualitätsmanagement engagieren, machen dies zumeist ehrenamtlich - als Zusatzaufwand neben dem wichtigen Tagesgeschäft. Das sich ja scheinbar nicht mit den QM-Aktivitäten verträgt und eher ständig davon gestört wird. Qualitätsmanagement wird „irgendwie“ als wichtig erachtet, aber ein direkter Bezug zur Wirtschaftlichkeit des Krankenhauses, zur Wettbewerbsfähigkeit gar, wird nicht hergestellt.

Eine provokante (Gegen-)Frage sei an dieser Stelle an alle, die sich über das „Wozu brauchen Krankenhäuser QM?“ den Kopf zerbrechen, erlaubt:

Warum wohl leisten sich Unternehmen der „freien Wirtschaft“, die in vielen Branchen in einem extremen Kostenwettbewerb stehen, seit Jahrzehnten „teures“ Qualitätsmanagement als unverzichtbare Selbstverständlichkeit auf höchstem Niveau? Manager treffen viele Fehlentscheidungen, aber für diese Geldverschwendung würden sie mit Sicherheit gefeuert…oder?

Haben Unternehmen in anderen Branchen einen Preis- und Kostenwettbewerb, befinden sich Krankenhäuser „nur“ in einem Kostenwettbewerb. Aber der ist hart, ohne Frage. Und genau hier liegt das riesige Potenzial des Qualitätsmanagements. Die Antwort auf die Frage, warum alle Branchen inzwischen den Aufwand für Qualitätsmanagement als gutes Investment in die eigene Wettbewerbsfähigkeit ansehen ist nämlich folgende: Qualitätsmanagement hilft Kosten sparen!

Qualitätsmanagement betrachtet dabei einen spezifischen Anteil der Gesamtkosten eines Unternehmens, die Qualitätskosten: Diese setzen sich zusammen aus den Kosten für das Qualitätsmanagement selbst (also z.B. Personal- oder Zertifizierungskosten) und aus den Kosten für das Nicht-Vorhandensein von Qualität!

Wenn man die Wirtschaftlichkeit von Krankenhäusern heute unter dem Aspekt der DRG untersucht, dann werden stets die beiden „klassischen“ Schrauben zur Beeinflussung der Wirtschaftlichkeit gedreht: die Erlöse und die Kosten. Nimmt man die Kosten in der herkömmlichen Betrachtung, dann gelten die Maßnahmen zur Kostensenkung insbesondere dem Personal- und dem Materialeinsatz. Dreht man diese Schrauben zu weit, kommt man mehr oder weniger zwangsläufig in Konflikt mit den Erwartungen an die Qualität. Die Frage der Qualitätskosten richtet sich aber auf den Kostenanteil, der durch Verluste aufgrund mangelnder Prozessqualität entsteht. Dieser wird in Krankenhäusern noch überhaupt nicht betrachtet!

Kosten für nicht vorhandene Qualität betreffen beispielsweise:

  • (medizinisch) nicht unbedingt indizierte Diagnostik/ Doppeluntersuchungen
  • abgesetzte Eingriffe im OP-Programm
  • unpünktlicher OP-Beginn oder unpünktliches OP-Ende (ungeplante Mehrarbeitsstunden)
  • Mehrfachdokumentation
  • Medikamentenverfall durch unnötig hohe Vorratshaltung
  • etc.

Diese Liste ließe sich fast unendlich weiterführen. Ich behaupte niemand im Krankenhaus hat diese Kosten je ermittelt, niemand hat einen Überblick, was der Einrichtung täglich durch fehlende Qualität verloren geht. Kein Controller verfügt über eine Methode, um hier valide Daten zu erheben.

Das ist in der Industrie ganz anders: Hier ist sofort klar, was ein Bandstillstand oder die fehlerverursachte Nacharbeit kosten. Schätzungen zufolge sind in deutschen Industrieunternehmen ca. 20% aller Kosten Qualitätskosten!

Und genau hier greift Qualitätsmanagement mit dem Ziel, Kosten für nicht vorhandene Qualität und Kosten für Verschwendung (im Japanischen muda genannt) konsequent zu verringern. Ich behaupte, wenn Geschäftsführer deutscher Krankenhäuser diesen Beitrag von Qualitätsmanagement kennen würden, wäre das QM augenblicklich Chefsache!

Und dann würden die Menschen, die sich um QM im Krankenhaus kümmern, nicht als (eigentlich unnötiger) Luxus betrachtet, sondern auf Händen getragen… eine schöne Vision!

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