Die Auswahl des Nachfolgers

Im Harvard Business Manager vom Januar 2011 gibt es einen interessanten Artikel von James M. Citrin und Dayton Ogden. Unter dem Titel „Die Qual der Wahl“ berichten sie von einer Untersuchung, in der sie im Zeitraum von 2004 bis 2008 CEO-Nachfolgen bei S&P-500-Unternehmen beobachtet und ausgewertet haben (CEO steht für Chief Executive Officer und kann als amerikanisches Äquivalent zum Vorstandsvorsitzenden angesehen werden).  Insgesamt haben sie 300 Fälle untersucht, bei denen ein CEO das Unternehmen verlassen hat und nun ein Nachfolger eingesetzt werden musste. Die Nachfolger wurden in 5 Typen unterschieden: interne Kandidaten, externe Kandidaten, Aufsichtsratsmitglieder, Rückkehrer (Kandidaten, die in der Vergangenheit bereits schon einmal den Vorstandsposten in diesem Unternehmen bekleidet hatten) und externe Insider (Kandidaten, die von extern zunächst als Nummer zwei geholt wurden und innerhalb von 18 Monaten an die Spitze aufstiegen).

Das Ergebnis ist interessant: Externe Insider waren signifikant weniger erfolgreich als die anderen Nachfolger-Gruppen. Die Begründung wird darin gesehen, dass „externe Insider“ in ihrer vorübergehenden Rolle als Nummer zwei noch unter dem scheidenden CEO dienen und sich diesem verpflichtet fühlen. Die meisten bleiben dann auf der sicheren Seite und behalten den Status quo bei. Aufsichtsratsmitglieder waren besonders erfolgreich. Zum einen kennen sie das Unternehmen, zum anderen haben viele von Ihnen bereits CEO-Erfahrung in anderen Unternehmen gesammelt. Sehr interessant ist die Erkenntnis der Autoren zum Erfolg interner und externer Kandidaten. Beide Gruppen rangieren, wenn man die Gesamtheit aller Unternehmen betrachtet, nahezu gleichauf im Mittelfeld (so wie übrigens auch die Rückkehrer). Deutliche Unterschiede treten jedoch hervor, wenn man die Unternehmen unterteilt in solche, die gut laufen, und solche, die in Schwierigkeiten stecken. In Unternehmen mit stabiler Geschäftslage war der interne Kandidat dreimal so erfolgreich. Er kennt die Unternehmenskultur und hat es leichter, kulturgerechte Veränderungen herbeizuführen. In Krisenunternehmen sind die externen Kandidaten deutlich erfolgreicher, weil sie sich leichter tun, alte Zöpfe abzuschneiden und tiefgreifende Veränderungen anzustoßen. Hier erreichten externe CEO dreimal so oft eine herausragende Performance wie interne Kandidaten.

Wie lassen sich diese Erkenntnisse auf das Krankenhaus übertragen? Auch hier stehen oft Veränderungen in wichtigen Führungspositionen an. Ich denke dabei an Chefarztpositionen, die Position des Kaufmännischen Leiters und die Position des Pflegedirektors. Spielen wir oben stehende Erkenntnisse für eine Chefarztnachfolge durch. Die Varianten Aufsichtsratsmitglied und Rückkehrer sind ziemlich unwahrscheinlich und werden daher von mir außen vor gelassen. Beginnen wir mit der Frage der internen vs. der externen Nachbesetzung. An sich ist diese Frage in der Krankenhauswelt klar beantwortet: Ein Chefarzt muss immer von außen kommen, weil man davon ausgeht, dass er dann mehr Innovationen mitbringt. Die Untersuchung von Citrin und Ogden bestätigt dies jedoch nicht vorbehaltslos. In einer Abteilung, die sehr gut geführt ist und einen exzellenten Ruf genießt, kann es durchaus sinnvoll sein, einen der eigenen Oberärzte zum Chefarztnachfolger zu machen. Ich denke hier insbesondere an operative Disziplinen, die vielleicht auch bisher schon wesentlich durch das Können der Oberärzte mitgetragen wurden.  Stach eine Abteilung hingegen nicht deutlich gegenüber den anderen Abteilungen heraus, spricht vieles für eine Chefarztbesetzung von außen. Und hier gibt die Studie eine weitere klare Empfehlung: Der Neue soll seinen Dienst erst antreten, wenn der alte Chefarzt nicht mehr da ist. Eine „Einarbeitung“ des angehenden Chefarztes unter dem alten Chefarzt ist kritisch. In der Studie hat es kein einziger CEO-Nachfolger geschafft, zum besten Viertel zu gehören, wenn er bereits vor dem Abtreten des alten CEO ins Unternehmen kam! Die gleichen Schlüsse lassen sich auch für die anderen genannten Führungskräfte-Besetzungen ziehen. Handeln Sie also mit Bedacht. Herzlichst, Ihr Rüdiger Herbold

Autor: Rüdiger Herbold
 – 22:51 Uhr

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