Das Primäre Behandlungsteam als Weiterentwicklung der Primären Pflege am Borromäus Hospital in Leer (Teil 1)

 

Die Primäre Pflege als innovatives patientenorientiertes Pflegesystem

Das Borromäus Hospital in Leer hat sich konsequent für die Einführung der Primären Pflege als Pflegesystem entschieden. Bei der Primären Pflege (engl. Primary nursing) steht die ganzheitliche Betreuung der Patienten aus pflegerischer Sicht im Mittelpunkt. Jeder Patientin und jedem Patienten wird kurz nach der Aufnahme eine Primäre Pflegekraft zugeordnet, die für die Pflegeplanung und die Durchführung der Maßnahmen verantwortlich ist. Nach Möglichkeit behält die Patientin oder der Patient die verantwortliche Primäre Pflegekraft für die gesamte Dauer des Aufenthaltes. In Schichten, in denen die Primäre Pflegekraft nicht im Dienst ist, übernimmt eine Kollegin oder ein Kollege stellvertretend diese Aufgabe. Änderungen der Pflegeplanung erfolgen jedoch nur durch oder im Einvernehmen mit der Bezugspflegekraft.

Aus Patientensicht hat dieses patientenorientierte Pflegesystem, das erstmals in den 60er Jahren von Marie Manthey entwickelt wurde [1], den entscheidenden Vorteil, dass die Patientin bzw. der Patient für die gesamte Dauer des Aufenthaltes eine feste pflegerische Bezugsperson behält. Aus pflegerischer Sicht liegt der Vorteil darin, dass die Primäre Pflegekraft sehr eigenverantwortlich arbeiten kann und den gesamten Verlauf der Behandlung im Blick hat. Im Gegensatz zur Funktions- und Bereichspflege reicht die Verantwortung der einzelnen Primären Pflegekraft weit über die aktuelle Schicht hinaus. Da die Patientin oder der Patient nach Möglichkeit die Primäre Pflegekraft für die gesamte Dauer des Aufenthaltes behält, muss dies bei der Dienstplanschreibung bzw. bei der Zuordnung der Patienten zu den Pflegekräften berücksichtigt werden.

Konsequente Umsetzung der Primären Pflege im Borromäus Hospital in Leer

Im Borromäus Hospital in Leer wurde die Primäre Pflege ab 2011 als Pflegesystem sukzessive auf allen Stationen eingeführt. Das System erfährt inzwischen eine hohe Akzeptanz bei den pflegerischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Allerdings waren größere organisatorische Umstrukturierungen notwendig, da beispielsweise die Patientinnen und Patienten, die durch dieselbe Pflegekraft betreut werden, im Gegensatz zur Bereichspflege bei der Primären Pflege nicht in benachbarten Zimmern liegen, sondern in verschiedenen Zimmern über die Station verteilt untergebracht sind. Die berufsgruppenübergreifende Zusammenarbeit wurde durch die Einführung der Primären Pflege vor neue Herausforderungen gestellt. Da der ärztliche Dienst die Verantwortung für die Stationen weiterhin bereichsweise aufgeteilt hatte, war nach Einführung der Primären Pflege eine gemeinsame Visite von Pflegekräften und Ärzten kaum noch realisierbar. Aus ärztlicher Sicht waren durch die Einführung der Primären Pflege die Kommunikation und die Zusammenarbeit zwischen den beiden großen Berufsgruppen auf Station schwieriger geworden, da die Ärztinnen und Ärzte sich in jeder Schicht neu orientieren mussten, welche Patientinnen und Patienten in ihrem Bereich durch welche Pflegekräfte betreut werden.  

Erarbeitung eines Berufsgruppen-übergreifenden Organisationshandbuchs für die Abteilung Innere Medizin

Aus dieser Situation heraus hat sich die Klinikleitung des Borromäus Hospitals gemeinsam mit der Mitarbeitervertretung dazu entschlossen, die stationären Abläufe in der Abteilung für Innere Medizin im Rahmen eines extern moderierten Reorganisationsprojektes zu überarbeiten. Zum Projektauftakt erfolgten eine Hospitation der entsprechenden Stationen, des Funktionsbereichs und der Notaufnahme sowie eine Analyse der vorhandenen Struktur- und Leistungsdaten. Ergänzend erfolgte eine Befragung aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Klinik, die weitere wichtige Impulse für das Projekt lieferte. Aufbauend auf diese fundierte Ist-Analyse startete eine intensive berufsgruppenübergreifende Projektgruppenarbeit. Entstanden ist dabei ein Organisationshandbuch, das die künftigen Abläufe auf allen Stationen der Abteilung für Innere Medizin verbindlich regelt.

Weiterentwicklung der Primären Pflege zum Primären Behandlungsteam als zentrales Element des Organisationshandbuchs

Innerhalb der Projektgruppe hatte sich schnell herauskristallisiert, dass eine gemeinsame Visite von Pflege und Ärzten als zentraler Dreh- und Angelpunkt im Stationsablauf wieder etabliert werden soll. Dies war nur durch eine Anpassung der pflegerischen und ärztlichen Verantwortungsbereiche realisierbar. Kernelement des neuen Organisationshandbuches der Klinik für Innere Medizin war daher die Weiterentwicklung der Primären Pflege zu einem Primären Behandlungsteam, bestehend aus Primärer Pflegekraft, ihrer Stellvertretung und dem verantwortlichen Stationsarzt bzw. der Stationsärztin.

Das Primäre Behandlungsteam besteht aus Primärer Pflegekraft, ihrer Stellvertretung und dem verantwortlichen Stationsarzt.

Jeder Patient und jede Patientin wird nach der Aufnahme durch die pflegerische Stationsleitung einem Behandlungsteam zugeordnet. Die einzelnen Teams sind auf einer Tafel im Stationszimmer farblich markiert und betreuen maximal 14 Patientinnen und Patienten. Eine Station mit insgesamt 42 Betten wird auf diese Weise von insgesamt drei Primären Behandlungsteams betreut. Die Zuordnung des Patienten bzw. der Patientin zu einem farblich markierten Team bleibt für die gesamte Dauer des Aufenthaltes bestehen und ist unabhängig davon, in welchem Zimmer der Patient oder die Patientin untergebracht ist. Auch bei einem eventuell notwendigen Umzug der Patientin oder des Patienten innerhalb der Station bleibt die Zuordnung zum Behandlungsteam erhalten.

Hier gelangen Sie zu Teil 2 des Blogbeitrags.


[1] Quelle: www.pflegewiki.de/wiki/Primary_Nursing, abgerufen am 25.07.2017

2 Kommentar(e)

Gravatar: Andreas Dörkßen
Andreas Dörkßen
14:54 Uhr

Hallo Herr Dr. Leschinger, vielen Dank für die tolle Zusammenfassung. Kleine Anmerkung, wir sprechen im primären Pflegesystem immer von der Verantwortung für den Patienten, nicht von Zuständigkeit. Gruß A.Dörkßen

Gravatar: Dr. Christofer Leschinger
21:25 Uhr

Sehr geehrter Herr Dörkßen, herzlichen Dank für Ihren konstruktiven Korrekturvorschlag, den ich gerne aufgegriffen habe. Den Blog-Beitrag habe ich inzwischen entsprechend präzisiert. Herzliche Grüße nach Leer, Christofer Leschinger

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