Hierarchien in der Pflege, wohin mit den akademisierten Pflegekräften?

Ein ganzer Nachmittag war auf dem Pflegekongress in Berlin diesem Thema gewidmet. Der Saal war gut besucht, sodass das Thema durchaus Brisanz zu haben scheint. Auch mein Eindruck ist, dass studierte Pflegekräfte in Deutschland bisher selten den Weg zurück in die eigentliche Patientenversorgung finden. Besonders für die grundständig Studierenden ohne vorherige Berufsausbildung fällt es ausgesprochen schwer, ein konkretes Betätigungsfeld zu definieren. So berichtete ein Absolvent von seiner Odyssee, die zum Schluss im Qualitätsmanagement endete, obwohl sein eigentliches Interesse in der direkten Arbeit am Menschen lag.

Was passiert hier?

Ich habe den Eindruck, dass die Führungskräfte in der Pflege auf der einen Seite ihre Hausaufgaben bezüglich der Integration der Studierenden nicht machen und dass andererseits der gesamte Berufsstand Pflege große Schwierigkeiten mit hierarchischen Konzepten  hat, die in anderen Ländern längst pflegerischer Alltag sind (z.B. angloamerikanischer Raum, Niederlande).

Pflegekräfte hier zu Lande wollen eigentlich keine Hierarchien! Selbst Stationsleitungen verstehen sich oft als integraler Teil des Teams, wollen Gleiche unter Gleichen sein und nehmen ihre Führungsrolle – insbesondere in kritischen Situationen – nicht war. Nach einer Umfrage der Hochschule Freiburg steht „Hierarchie“ im Verständnis der Pflegekräfte im Gegensatz zu „Kollegialität“, „Teamgeist“ und „Gleichwertigkeit“. Die Pflegenden haben Angst, mit Einführung neuer Hierarchien „nicht mehr mithalten zu können“ und „an unterster Stelle zu stehen“.

Solche Empfindungen bringen es mit sich, dass höher qualifizierte Mitarbeiter im stationären Alltag eher als Bedrohung und nicht als Bereicherung wahrgenommen werden. In diesem Sinne sind stationär Pflegende zum großen Teil erschreckend bildungsfeindlich. „Alles soll so bleiben wie es ist“ bekommen die Pflegenden aus Fachweiterbildung und Studium durch ihre Kollegen auf Station oft zu hören. So können Veränderungen nur sehr vorsichtig angegangen werden. Den weitergebildeten Pflegekräften fehlt zudem die Möglichkeit Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen durch- bzw. umzusetzen. Sie verlassen nicht selten frustriert die Station und Patientenversorgung und wenden sich Managementfunktionen, wie z. B. im Qualitätsmanagement, zu.

Welch vergeudete Chance bei den großen Herausforderungen, denen die Pflege in den nächsten Jahren entgegensieht!

Die Pflege ist für mich die Berufsgruppe, die für die Übernahme der kompletten Fallsteuerung und der zentralen Verantwortung für die Prozesse der Patientenversorgung prädestiniert ist. Diese Aufgabe ist meines Erachtens nur zu bewältigen, wenn engagierte weitergebildete und studierte Pflegekräfte in eine Position im Rahmen der stationären Versorgung versetzt werden, in der sie gestalten und führen können. Pflege muss sich künftig professioneller, wissenschaftlicher und vernetzter aufstellen. Die Aufgabe der nächsten Jahre ist, den Wert der Profession Pflege mit den richtigen Aufgaben und Verantwortungen sowie den dazugehörigen Entscheidungsbefugnisse zu definieren. Dazu gehört auch, dass die benachbarten Professionen den neuen Kompetenzrahmen der Pflege kennenlernen und akzeptieren. Für diese Aufgaben werden schon heute alle weitergebildeten und studierten Pflegekräfte auch und besonders im stationären Setting benötigt.

1 Kommentar(e)

Gravatar: Mariola Endres
14:55 Uhr

Weiterbildung ist Modernisierung

Ihre Beschreibung entspricht den (traurigen) Tatsachen: Die stationäre Alten- und Krankenpflege hat in der Zukunft eine immer stärkere Belastung zu ertragen. Nur eine Modernisierung hin zu einem professionell vernetzten Stations-Management auf praktischer Ebene wird dieser Belastung standhalten und den Wert dieser Berufsgruppe öffentlich machen. Hierzu ist die Eingliederung studierter und weitergebildeter Pflegekräfte in die Stationsarbeit auf aktiver Ebene nötig.

Mein Kommentar

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