Lernen von anderen Branchen – Krankenhäuser und Flughäfen

Bereits in der Vergangenheit hat sich auch im Gesundheitswesen ein Blick über den Tellerrand hinaus bezahlt gemacht. So konnten innovative Vorgehensweisen und Ideen wie beispielsweise das Qualitätsmanagement erfolgreich aus der Automobilindustrie auf Krankenhäuser übertragen werden. Ein Blick auf Einrichtungen außerhalb des Gesundheitssektors – wie Flughäfen –, bei denen ein Vergleich zunächst unmöglich erscheint, macht das zusätzliche Potential für Änderungen und Verbesserungen deutlich.

Was ist so besonders an Flughäfen?

In Flughäfen, wie auch in Kernkraftwerken, findet die Arbeit in einer dynamischen Umwelt (z.B. Wetterverhältnisse) und mit komplexen Technologien statt. Falls in einer solchen Organisation Fehler passieren, sind diese meist schwerwiegend, weshalb ihnen eine große Bedeutung zukommt. Trotz des hohen Fehlerpotentials schaffen es diese Organisationen, ein Fehlerminimum zu erreichen und damit ein hohes Maß an Sicherheit zu gewährleisten. Sie werden als sogenannte Hochzuverlässigkeitsorganisation („High Reliability Organisation“ = HRO) bezeichnet.

Um langfristig mit den Herausforderungen der Umgebung umgehen zu können, haben diese Organisationen verschiedene Strategien, die man in fünf Prinzipien zusammenfassen kann, entwickelt:

  • Bewusstsein für Fehler:  Diese Organisationen rechnen damit, dass Fehler passieren. Daher sind Berichtssysteme implementiert um Fehler und mögliche Fehlerquellen frühzeitig zu erkennen, zu melden und zu beseitigen.
  • Abneigung gegen Vereinfachungen: Die Implementierung von Redundanzen in Tätigkeiten und Systemen wird konsequent umgesetzt (z.B. Vier-Augen-Prinzip).  
  • Sensibilität für betriebliche Abläufe: Bei allen Handlungen ist es notwendig, das „Große-Ganze“ im Blick zu behalten. Die Mitarbeiter kennen das Ziel sowie den Einfluss der Bereiche aufeinander und wissen, wie hoch der Stellenwert einer kontinuierlichen Kommunikation ist.
  • Flexibilität und Belastbarkeit: Da diese Organisationen mit Unregelmäßigkeiten rechnen, können sie sich schnellstmöglich von Notfällen oder unerwarteten Situationen erholen. Dies wird vor allem durch Trainings- und Simulationseinheiten der gesamten Organisation erreicht.
  • Respekt vor fachlichem Wissen: Ein Hauptaspekt ist, dass Entscheidungen unter Federführung oder zumindest Einbeziehung des Mitarbeiters mit der höchsten Kompetenz getroffen werden - unabhängig von seiner Position in der Hierarchie.

Warum sollten sich Krankenhäuser an Flughäfen orientieren?

Getreu nach dem Motto „errare humanum est“, ist in Krankenhäusern - wo Menschen mit und an Menschen arbeiten - ein hohes Fehlerpotential gegeben. Vor allem eine nicht ausreichende Kommunikation der an der Behandlung Beteiligten untereinander, z.B. durch getrennte Besprechungsstrukturen, ist dabei eine zusätzliche Quelle für Fehler. Hinzu kommt, dass der medizinisch-technische Fortschritt auch nicht vor Krankenhäusern halt macht. Damit wird einerseits der Behandlungsablauf komplizierter und andererseits erhält die Ebene „Mensch-Maschine“ ein stärkeres Gewicht. Falls dann Unfälle und Fehler passieren, können diese im schlimmsten Fall zum Tod führen. Die Zeit ist dabei häufig ein kritischer Faktor und erfordert ein schnelles Eingreifen und Entscheidungen müssen mit wenigen Informationen getroffen werden.

Es ist recht offensichtlich, dass Krankenhäuser zwar fehleranfällig, jedoch keine klassischen Hochrisikoorganisationen sind. Damit können und sollen die genannten Prinzipien nicht direkt übertragen werden. Allerdings können Handlungsempfehlungen für Krankenhäuser abgeleitet und auf die individuellen Rahmenbedingungen angepasst werden:

  • Critical Incident Reporting Systeme (CIRS) sind in vielen Krankenhäusern im Rahmen eines klinischen Risikomanagements bereits implementiert. Damit wird einerseits die Achtsamkeit für potentielle Fehlerquellen gesteigert und diese können erkannt und behoben werden. Andererseits wird eine Fehlerkultur ohne „blame-and-shame“-Mentalität gefördert.
  • Mortalitäts- und Morbiditätskonferenzen dienen ebenfalls dazu, Ereignisse kritisch zu analysieren und zu evaluieren, um dann im kollegialen Dialog gemeinsam Lösungen für die Zukunft zu erarbeiten.
  • Gemäß dem „10 Sekunden-für-10 Minuten-Prinzip“ sollte das gesamte Team in Notfallsituationen - bspw. im Rahmen eines Team-Time-Outs - eine kurze Unterbrechung der Tätigkeiten einlegen (10s), um die Situation kurz zu analysieren und Verantwortlichkeiten zu verteilen. Damit können Fehlentscheidungen unter Zeitnot unterbunden und eine effektivere Behandlung für den Patienten gewährleistet werden (10min für den Patienten).
  • Die Entwicklung hin zu dezentralen Verantwortlichkeitsstrukturen in Notfallsituationen steht im Vordergrund. Damit wird derjenige mit der höchsten Kompetenz zum Entscheider. Besonders Führungskräfte sollten lernen, wie wichtig ein „Fluglotse“ - im übertragenen Sinne -, der sich aktiv zu Wort meldet, auch im Krankenhaus ist.
  • Der Einsatz von SOP und Checklisten unterstützt diesen Überprüfungsmechanismus. Durch ein standardisiertes Vorgehen kann die Qualität der Behandlung erhöht werden.
  • Team-Trainings dienen dazu, gezielt durch Fehler zu führen und den Umgang damit zu lernen. Eine Möglichkeit stellen in-situ-Simulationen dar, in denen konkrete Situationen und Fallbespiele durchgespielt werden. Hierbei werden zum einen die Zusammenarbeit der Teammitglieder und zum anderen die Routine in Krisensituationen geübt.

Damit ergeben sich auch für Krankenhäuser viele Vorteile. So wird einerseits durch eine Fehlerreduktion die Patientensicherheit gesteigert. Andererseits sind auch die Auswirkungen auf das Arbeitsklima essentiell. Eine Unternehmenskultur, in der alle Mitarbeiter aufgrund ihrer Fähigkeiten und nicht ihres Standes einbezogen werden, trägt zur Zufriedenheit und langfristigen Bindung der Mitarbeiter bei. Letztendlich stellen diese Faktoren in dem immer härter umkämpften Gesundheitssektor einen Wettbewerbsfaktor dar, der nicht unterschätzt werden sollte.

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