Konfessionelle Kliniken im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Ethik

Jedes dritte deutsche Klinikbett steht in einem Krankenhaus in freigemeinnütziger, meist kirchlicher, Trägerschaft. Aber spürt auch der Patient, der in diesem Bett liegt, den Unterschied zwischen einer kirchlichen und einer nicht kirchlichen Einrichtung? Und spielt diese Unterscheidung in einer Gesellschaft, in der christliche Werte zunehmend an Bedeutung verlieren, überhaupt noch eine Rolle? Sind kirchliche Krankenhäuser nicht eher ein Relikt aus längst vergangenen Tagen, in denen noch die Oberschwester im Habit auf Station das Regiment führte und der Chefarzt ein „Halbgott in weiß“ war?  Was macht heute den Geist einer modernen konfessionellen Klinik aus?

Zugegebenermaßen fällt die Antwort auf die letzte Frage nicht leicht – schließlich lässt sich der Geist bzw. die Grundhaltung eines Krankenhauses nur schwer in Worte fassen. Mit der Einführung von proCumCert wurde zwar der Versuch unternommen, christliche, soziale und ethische Werte einer Klinik messbar und vergleichbar zu machen. Aber letztlich geht es ja um ein sehr subjektives Gefühl, ob ich als Patient die christliche Grundhaltung einer Klinik wahrnehme und mich in einem kirchlich geführten Haus geborgen und gut betreut fühle. Umso wichtiger ist es, dass sich die kirchlichen Krankenhäuser ihrer eigenen Identität bewusst werden und diese durch strategische Maßnahmen weiter betonen, um sich auf diese Weise von den säkularen Mitbewerbern abzusetzen.

Die kritische Auseinandersetzung mit den folgenden Fragen kann bei diesem Prozess helfen:

Wie kann ich das christliche Profil der Klinik für den Patienten und seine Angehörigen erlebbar machen?

Das obligatorische Kruzifix über der Tür oder die Bibelverse im Treppenhaus sind sicherlich heutzutage nicht ausreichend, um den speziellen Geist eines kirchlichen Krankenhauses als solches für den Patienten spürbar zu machen. Häufig sind es eher die kleinen hausinternen Besonderheiten, die das christliche Leitbild in einer Klinik zum Ausdruck bringen, z.B. die enge Einbindung der Seelsorge in den Stationsalltag oder die Mitarbeit von Ehrenamtlichen in Kooperation mit einer benachbarten Kirchengemeinde. Auch die Visualisierung der Kirchenfeste im Klinikalltag und die Pflege krankenhausindividueller Traditionen kann das christliche Profil einer Einrichtung spürbar machen, z.B. ein Adventssingen auf den Stationen oder die Präsenz der Herrnhuter Sterne in der Vorweihnachtszeit. Diese kleinen Gesten und Traditionen sollten sorgfältig gepflegt werden, so dass für den Patienten und seine Angehörige spürbar wird, dass in einer kirchlichen Einrichtung eben doch ein anderer Geist weht als in Häusern der öffentlichen oder privaten Konkurrenz. Die Sichtbarmachung des christlichen Profils ist jedoch für Kliniken auch eine Gratwanderung. Es ist wichtig, dabei behutsam vorzugehen, um in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft nicht über das Ziel hinauszuschießen und Patienten ohne christlichen „Background“ aus den Augen zu verlieren. Selbstverständlich darf ich auch als konfessionelles Haus nicht an Attraktivität für Patienten mit Migrationshintergrund und aus anderen Kulturkreisen verlieren.

Wie kann ich bei meinen Mitarbeitern ein Bewusstsein für das christliche Wertesystem in der Klinik schaffen? 

Die kirchlichen Krankenhäuser bewegen sich, wie alle anderen Kliniken auch, im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Ethik. Aber sie stehen im Gegensatz zu ihrer privaten Konkurrenz häufig unter strengerer Beobachtung. Als Mitarbeiter einer Klinik in privater Trägerschaft bin ich mir in der Regel bewusst, dass mein Arbeitgeber neben einer qualitativ guten Patientenversorgung auch die wirtschaftlichen Aspekte bzw. die Interessen von Eigentümern und Aktionären im Blick hat. Mitarbeiter kirchlicher Einrichtungen, die sich in der Regel als Dienstgemeinschaft verstehen, stehen einschneidenden Entscheidungen ihrer Geschäftsführung häufig kritischer gegenüber als in anderen Häusern. Aber die konfessionellen Kliniken stehen ja nicht auf der „Insel der Glückseeligen“, sondern müssen sich im selben Markt wie die privaten und öffentlichen Konkurrenten behaupten. Als Leitung eines kirchlichen Krankenhauses muss ich daher neben der guten Qualität der Patientenversorgung sowie der Patienten- und Mitarbeiterzufriedenheit auch die wirtschaftlichen Belange meiner Klinik im Auge haben. Das beste soziale Profil eines Krankenhauses ist nichts wert, wenn eine Klinik durch falsche strategische Entscheidungen in eine wirtschaftliche Schieflage katapultiert wird und somit die Zukunftssicherung des Hauses und damit auch die Arbeitsplätze der Mitarbeiter auf dem Spiel stehen. Es ist also eine zentrale, aber auch schwierige Aufgabe für die Leitung einer konfessionellen Klinik, auf der einen Seite das Krankenhaus wirtschaftlich erfolgreich zu führen und gleichzeitig durch wertschätzenden Umgang mit den Mitarbeitern das christliche, vom Gebot der Nächstenliebe geprägte, Profil der Einrichtung auch für die Mitarbeiter spürbar zu machen. Die Entwicklung eines einrichtungsspezifischen Leitbildes kann ein Hilfsmittel sein, um die Mitarbeiter auch für ökonomische Fragestellungen zu sensibilisieren und innerhalb der Dienstgemeinschaft das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass wirtschaftliches Handeln und ethisches Handeln keine Gegensätze sind.

Wie kann ich das christliche Profil der Klinik im Rahmen der strategischen Zukunftsplanung weiter herausarbeiten?

Das christliche Profil eines Krankenhauses sollte sich durchaus auch im Leistungsportfolio widerspiegeln. Dabei müssen Leistungsschwerpunkte, die dieses Profil schärfen, nicht zwangsweise wenig lukrativ sein, sondern es gibt je nach Vertragsgestaltung durchaus auch wirtschaftlich erfolgreiche Geschäftsfelder, die gut ins Bild einer kirchlichen Einrichtung passen. Ein klassisches Beispiel hierfür wäre die Etablierung einer Palliativstation oder die enge Anbindung der Kliniken an die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV). Es empfiehlt sich, beispielsweise im Rahmen der Entwicklung eines strategischen Zukunftsplanes, gezielt auch Maßnahmen in die Überlegungen und Visionen mit einzubeziehen, die das Profil einer konfessionellen Klinik stärken und zur Abgrenzung von öffentlichen und privaten Mitbewerbern beitragen.

Wie werde ich als christliches Krankenhaus meiner Verantwortung innerhalb der Gesellschaft gerecht?

In den vergangenen Jahren gerieten immer wieder einzelne kirchliche Kliniken durch die Berichterstattung über gesellschaftlich kontrovers diskutierte Entscheidungen ins Kreuzfeuer der Kritik.  In Bezug auf ethische Fragestellungen zeigte sich dies beispielsweise an der Diskussion um den Umgang mit möglichen Vergewaltigungsopfern und der Verordnung der „Pille danach“, in arbeitsrechtlichen Belangen beispielsweise an der Diskussion über die Rechtmäßigkeit der Kündigung eines geschiedenen und wiederverheirateten Chefarztes. Um nicht unvorbereitet mit einer solchen Situation konfrontiert zu werden, ist es für kirchliche Einrichtungen ganz entscheidend, im Vorfeld sowohl rechtlich als auch moralisch die Leitplanken für das eigene Handeln abzustecken. Dies sollte durch eine strukturierte Auseinandersetzung mit potentiellen kritischen „Grenzsituationen“ geschehen, möglichst unter Einbeziehung der Mitarbeiter und unter juristischer Begleitung. Nur wenn sich eine Klinik bereits im Vorfeld damit auseinandersetzt, wie sich das eigene christliche Profils in moralischen und ethischen Entscheidungen der täglichen Arbeit widerspiegelt, kann sie auch frühzeitig kritische Situationen entschärfen oder vermeiden. Die Einrichtung eines aktiven und lebendigen Ethikkomitees, das sich in enger Kooperation mit der Geschäftsführung mit solchen Fragestellungen frühzeitig befasst, kann hier ein hilfreicher Weg sein.

Wie kann ich durch Kooperation mit anderen Einrichtungen das christliche Profil der Klinik schärfen?

In den vergangenen Jahren kam es durch Fusionen und Kooperationen zu deutlichen Umwälzungen und einer zunehmenden Konzentration auf dem Markt kirchlicher Krankenhäuser. Große bundesweit tätige „Player“ sind beispielsweise der rasch wachsende Agaplesion-Konzern sowie die Stiftung der Alexianerbrüder. Stärkeren Regionalbezug, aber dennoch Wachstum, zeigen die Marienhaus-Unternehmensgruppe und die Stiftung der Cellitinnen zur hl. Maria, um nur einige der Akteure zu nennen. Auffallend ist, dass keiner dieser großen Verbünde bisher die Konfessionsgrenzen überspringen konnte. Ökumenische Kooperationen oder Vereinigungen kirchlicher Krankenhäuser unterschiedlicher Konfession sind nach wie vor Einzelfälle, z.B. die Fusion des Krankenhauses Siloah und der St. Trudpert-Kliniken in Pforzheim. Eine Stärke konfessioneller Krankenhäuser sind häufig die gewachsene Struktur und die vielfältigen Kooperationen mit anderen Gesundheits- und Sozialeinrichtungen unter gleicher Trägerschaft, beispielsweise mit Alten- und Pflegeheimen oder mit Einrichtungen der Wohlfahrtspflege. Diese Stärke sollte weiter ausgebaut werden. Konfessionellen Kliniken, die zumeist eher die Grund-, Regel- und Schwerpunktversorgung bedienen, werden zukünftig nur dann eine Chance haben, wenn sie sich mit anderen Kliniken und Sozialeinrichtungen zu Netzwerken vereinigen und auf diese Weise den großen privaten Klinikverbünden sowie den zumeist öffentlichen Maximalversorgern Paroli bieten können. Hierbei sollten die Scheuklappen fallen und eine ökumenische Zusammenarbeit über die Konfessionsgrenzen hinweg als selbstverständliche Option mit diskutiert werden, um das Profil der kirchlichen Kliniken zu stärken und die Unterschiede zu den privaten und öffentlichen Mitbewerbern deutlicher herauszuarbeiten.

Auch Ihre Klinik möchte das eigene Profil als kirchliches Krankenhaus besser herausarbeiten und deutlicher nach außen als Alleinstellungsmerkmal sichtbar machen? Oder Sie wünschen Unterstützung bei der strategischen Zukunftsplanung ihrer Klinik, um als konfessioneller Träger auch morgen noch am Markt bestehen zu können? Informieren Sie sich hier über unsere vielfältigen Beratungsleistungen zum Thema Strategieentwicklung

 

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