Schlank werden ohne Hungern – warum Lean Management im Krankenhaus nicht einfach Personalabbau bedeutet

Vor ein paar Monaten habe ich im Magazin „Der Spiegel“ (Nr. 33/2013) mit großem Vergnügen einen Artikel über den indischen Herzchirurgen Davi Prasad Shetty gelesen. Unter dem plakativen Titel „Discounter der Herzen“ beschreibt dieser, wie der Mediziner z.B. seine Narayana-Klinik in Bangalore nach dem „Aldi-Prinzip“ (Motto: preiswert, schmucklos, zuverlässig) betreibt.

Das Wall Street Journal hat Shetty einmal als „Henry Ford der Herzchirurgie“ bezeichnet. Weil er die Grundsätze der Massenproduktion auf die Medizin anwendet, um radikal die Kosten zu senken, ohne die Qualität zu gefährden. Seine Vorbilder sind Discounter, wie die amerikanische Wal-Mart-Kette und das Toyota Productions System (TPS). Die Narayana-Klinik betreibt heute 3.200 Betten (vergleichbar mit der Charité!), davon allein 1.000 Betten in der Herzklinik. Das Qualitätsmanagement ist nach dem angesehenen Joint Commission International, JCI, akkreditiert. Die Komplikations- und Infektionsraten sind im internationalen Vergleich weit unterdurchschnittlich. An sechs Tagen werden fast rund um die Uhr über 11.400 Herz-Operationen pro Jahr (das sind mehr als 30 pro Tag!) durchgeführt. Der durchschnittliche Preis für eine Koronararterien-Bypass-OP (einer der weltweit häufigsten Eingriffe am Herzen) liegt in der Shetty-Klinik bei 1.500 Euro – in Deutschland wären hierfür etwa 12.000-17.000 Euro fällig.

Shetty – bestens ausgebildet in westlichen Kliniken in England und Amerika – hat eine klare Vision: Er will eine Art industrielle Revolution des Gesundheitswesens auslösen und ich würde sagen, in der Dritten Welt hat er das vielleicht schon geschafft! Aber wie?

Es fängt schon bei der Infrastruktur an: Alle Kliniken sind einstöckig ebenerdig aus Standardbauteilen errichtet – alle Organisationseinheiten sind für den perfekten Work-Flow arrangiert und an den Arbeitsprozessen sowie an den Anforderungen der Hygiene ausgerichtet. Ähnlich einer „Fließbandproduktion“ ist aber auch die Arbeitsteilung in den OP-Sälen organisiert: Assistenten machen den Hautschnitt, öffnen den Brustkorb, bereiten alles vor, während die Spezialisten erst für den heiklen Teil des Eingriffs im OP erscheinen. Die Kliniken vermeiden rigoros Verschwendung.

Natürlich ist vieles in der Narayana-Klinik nicht ohne weiteres auf unseren Kulturkreis in Europa übertragbar (ich denke da z.B. an die 50-Betten-Säle ohne Klimatisierung!), aber Shetty zeigt kompromisslos auf, was möglich ist. Und er verfolgt letztlich bis zum Äußersten ein Prinzip, dass in deutschen Krankenhäusern aktuell unter dem Label „Lean Hospital“ reüssiert.

Wir bei ZeQ verfolgen seit Jahren als Prozess- und Lean-Spezialisten den Lean-Ansatz in unseren Reorganisationsprojekten, sei es auf Station, im OP oder in Ambulanzen. Häufig begegnen wir dabei dem Irrglauben, dass das Wort „Lean“, im Sinne einer Schlankheitskur, reinen Personalabbau bedeutet. Also der alte Wein der (Personal-)Kostensenkung, den viele in den vergangenen Jahren schmecken durften, in neuen schönen Schläuchen. Und da wird im Geiste die Schlankheitskur schnell zur gesundheitsgefährdenden Hungerkur – keine schöne Vorstellung!

Dabei will Lean etwas ganz anderes: nämlich schlank werden ohne Hungern. Dazu soll ein  Bewusstsein (sog. „Wertstrom-Verständnis“) geschaffen werden,

  • wie die wertschöpfenden Tätigkeiten im Rahmen von patientenfokussierten Abläufen organisiert werden (die heutigen Abläufe in Krankenhäusern sind im Gegensatz dazu meist klinikfokussiert),
  • welche nicht wertschöpfenden Tätigkeiten existieren, die aber unabdingbar sind (z.B. Dokumentation) und schließlich
  • wo Verschwendung (Doppeluntersuchungen, nicht abgestimmte Therapien, lange Transport- und Wartezeiten etc.) vorliegt.

Letztlich geht es beim Lean-Ansatz um nichts anderes, als um die Steigerung der Produktivität. Mit dem Einsatz von begrenzten Ressourcen einen optimalen Outcome zu erzielen, in der richtigen Zeit, in der richtigen Menge und in der richtigen (medizinischen) Qualität. Lean bedeutet „Werte schaffen ohne Verschwendung!“.

Mit unseren Stationskonzepten beispielsweise greifen wir den Lean-Gedanken schon seit langem auf und wirken damit nicht zuletzt auch der zunehmenden Arbeitsverdichtung im stationären Sektor entgegen. Dabei stellen wir als Berater – manchmal unbequeme – Fragen wie

„Können Sie nicht verzichten auf…

  • die 3x tägliche Erhebung der Vitalparameter bei jedem Patienten?
  • das tägliche Ausdrucken von Unterlagen für den Chef-/Oberarzt?
  • die ständige Mehrfachdokumentation?
  • die nachmittägliche Korrektur der vormittäglichen Anordnungen?
  • das Danebenstehen der Pflege während der Visite am Patienten, bei der der Arzt gerade einen Verband wechselt oder „Ärzte-Unterricht“ hält?
  • die tägliche Nachbestellung von Material?
  • bestimmte radiologische Untersuchungen?
  • die Blutabnahme jeden Tag bei jedem Patienten?
  • die Bestimmung von Cholesterin- und anderen Blutfettwerten bei jedem Patienten – auch wenn diese meist bei der Blutabnahme gar nicht nüchtern sind und bezüglich der Werte noch nie auffällig waren?
  • die Hälfte der ein- und ausgehenden Anrufe, die nur deswegen anfallen, weil wichtige Informationen gar nicht oder nicht adäquat weitergegeben wurden und damit unnötige Nachfragen entstehen?
  • …“

Wie Sie sehen, sind wir da bei weitem nicht so radikal in der Vermeidung von Verschwendung und „unnötigem Luxus“, wie Shetty es in seinen Kliniken in Indien ist!  Und dennoch: Die generelle Frage, welchen Wert schafft all das eigentlich, was wir auch im Kleinen täglich wiederkehrend tun, birgt enormes Potenzial für wirtschaftliches Arbeiten zum Wohle der Patienten und der Mitarbeiter! Weil die Verschwendung – oft aus reiner Tradition – im Einzelfall vielleicht nur wenig kostet, diese aber so häufig vorkommt und trotzdem niemandem auffällt! Und dem Patienten darüber hinaus keinen Nutzen stiftet…

Ach so: Ich möchte an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, dass Shetty weniger von unternehmerischen Renditeerwartungen angetrieben wird, sondern davon, durch die kostengünstige Medizin den „Ärmsten der Armen“ Indiens (darunter v.a. Kindern mit Herzfehlern) Zugang zur medizinischen Spitzenversorgung zu ermöglichen. Bei Shetty steht also der Patient im Fokus allen Lean-Bestrebens! Und das macht den Artikel und v.a. den Menschen Shetty für mich noch sympathischer!

2 Kommentar(e)

Gravatar: Kay Neschangs
Kay Neschangs
09:08 Uhr

Sehr geehrter Herr Bamberg, eine Krankenhausbehandlung wie am Fließband... ein Patient nur noch eine Nummer.... bar jeder emotionalen Zuwendung oder auch Beistandes. Ich wünsche Ihnen das Sie, wenn Sie es einmal 'nötig' haben, in dieser Weise behandelt werden. Mit Ihren Ideen, vielleicht auch Wunsch, nach dem Umbau des aus ethischer Sicht caritativstem Bereiches einer Gesellschaft vermitteln Sie eine typisch amerikanische 'neue' Wertvorstellung..... Willst Du Menschlichkeit, muss Du sie Dir erkaufen. Ich wünsche Ihnen Altersarmmut und die Krätze an den Hals

Gravatar: Christian Bamberg
Christian Bamberg
20:01 Uhr

Sehr geehrter Herr Neschangs, ich respektiere Ihren Beitrag als eine extreme Meinungsäußerung auf meinen Blog, mit dem ich ja durchaus polarisieren wollte. Immerhin stehen Sie persönlich mit Ihrem Namen für Stil und Inhalt Ihres Kommentars gerade und äußern sich nicht anonym. Dadurch bleiben Ihre Worte mir gegenüber nicht einfach so im Raum stehen, sondern sagen ja auch viel über deren Verfasser selbst aus. Ich könnte also einfach auf die "Spielregeln" unserer Blog-Netiquette verweisen und Ihren Kommentar löschen. Ich möchte aber gerne die - sicher nicht ganz einfache - Herausforderung annehmen und einen sachlichen Bezug Ihres Kommentars zu meinem Blog herstellen: Das von Ihnen zurecht befürchtete "Horror-Szenario" einer Behandlung bar jeder emotionalen Zuwendung oder auch jeden Beistands ist GERADE NICHT die Konsequenz des von mir dargestellten (und am Beispiel des indischen Arztes Pretty aufgezeigten) LEAN-Ansatzes im Krankenhaus. Unter den gegebenen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Krankenhäuser steht vielmehr zu befürchten, dass genau dieses Szenario mehr und mehr dann einzutreten droht, wenn weiter - wie bisher - v.a. der Weg der Kostensenkung über Personalabbau beschritten wird. LEAN bedeutet, dass die Krankenhäuser auf kostenverursachende Tätigkeiten und Vorgehensweisen verzichten, die NICHT unmittelbar dem Patienten zu Gute kommen, damit mehr Geld, Zeit und Intensität für die "caritative" Arbeit am Patienten geschaffen wird. Ich bin fest davon überzeugt, dass gerade die Arzt-/Patienten- bzw. Pflege-/ Patienten-Beziehung EIN wesentlicher Qualitätsfaktor im Krankenhaus ist. Aber glauben Sie, dass es dem Patienten etwas nützt, wenn z.B. eine Pflegekraft 15 mal am Tag mit Blutproben von Station zum Labor laufen muss, weil dieser Ablauf einfach schlecht organisiert ist und dann nur ein geringer Teil der untersuchten Blutwerte später wirklich zur Therapie genutzt wird? Ich bin der Meinung, dass das tatsächlich Verschwendung ist! In der Zeit, in der die Pflegekraft im Haus herumläuft, steht sie dem Patienten nicht zur Verfügung. Ich bin seit nunmehr elf Jahren tagtäglich in Krankenhäusern unterwegs und könnte Ihnen in Übereinstimmung mit den Menschen, die dort arbeiten, noch viele, viele weitere Beispiele aufzählen. Mein Unternehmen und ich ganz persönlich haben ein Ziel: Dass Krankenhäuser in die Lage versetzt werden, in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld ihre enorm wichtige soziale Aufgabe der Versorgung (schwer)kranker Menschen bestmöglich wahrnehmen zu können! Und Übrigens: ich würde mich immer in einem deutschen Krankenhaus behandeln lassen, weil ich die stationäre Versorgung dort als eine der besten weltweit ansehe.

Mein Kommentar

Bitte tragen Sie den Text aus dem Bild in das Textfeld ein. Erfahren Sie hier mehr über die Sicherheitsabfrage.

Bitte füllen Sie vor dem Absenden Ihres Kommentars mindestens die mit einem Stern (*) gekennzeichneten Felder aus. Alle anderen Angaben sind freiwillig.

Zurück

« Mai 2014»
Mo Di Mi Do Fr Sa So
      1 2 3 4
5 6 7 8 9 10 11
12 13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24 25
26 27 28 29 30 31  

RSS-Feeds

Beiträge:
      RSS 0.91 RSS 2.0
Kommentare:
      RSS 0.91 RSS 2.0